Mit dem Euroliner nach Kroatien !

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Von Nora Hannemann

Meine Freundin Jasminka war nach ihrem Praktikum in Trier, wo ich studierte, nach Kroatien zurückgekehrt. Sie fehlte mir sehr und so begab ich mich auf meine erste Reise in Richtung Osteuropa. Ich buchte einen Euroliner ab München. Gerade 20 Jahre alt, machte der Platz an der Hackerbrücke, Abfahrtsort des Euroliners in München, Eindruck auf mich. So erinnere ich mich noch an den Container, in dem ich mein Ticket erhielt und an eine Atmosphäre improvisierten Wildwuchses um mich herum. Schemenhaft all die Menschen unterschiedlichster Herkunft und Reiseziele. Ich mittendrin, doch ein wenig verloren in der Abenddämmerung.


Viele deutsche Urlauber, so wie ich einer war, gab es in dem Bus, den ich dann bestieg, nicht. Ich betrachte die Leute, die mit mir fuhren und fragte mich, ob sie zurück zu ihren Familien fuhren und was sie wohl in Deutschland getan, erlebt, gedacht hatten. Ich werde es nie erfahren, denn es ergab sich kein Gespräch - jedenfalls erinnere ich mich nicht – in dem Bus, über den sich schon schnell die Stille und die Dunkelheit legte. Der Busfahrer vor seinen leuchtenden Anzeigen wirkte beruhigend auf mich. Stundenlang fuhr er ohne ein einziges Wort zu sagen durch die Dunkelheit, sich sicher seines Weges. Vielleicht erinnerte es mich an unsere manchmal langandauernden Familienfahrten im Auto und das Bild meines durch die Nacht steuernden Vaters.


Wenn ich aus meinem dösigen Schlaf erwachte und aus dem Fenster schaute, bekam ich nicht nur Autobahn geboten. Ich hatte keine Ahnung, zu welchem Land die sich schlängelnden Dorf- und Landstraßen gehörten, die ich im schwachen Licht von Straßenlaternen erblickte. War ich noch in Österreich, in der Slowakei oder schon in Kroatien? Es war eine verrückte Orientierungslosigkeit, ein Gefühl zwischen den Welten zu wandeln, ganz ohne die bei Tageslicht meistens so klaren Mechanismen der Zu- und Einordbarkeit, der Strukturierung und Vorhersehbarkeit. Der schnelle Wechsel zwischen Schlaf- zum Wachzustand förderte diese faszinierende Verwirrtheit eher kaum.


Mäuerchen begrenzten die kleine Landstraße, Häuschen standen Spalier. Plötzlich hielten wir vor einem beleuchteten Gasthaus. Keine Autobahn, keine Tankstelle. Ein richtiges Gasthaus, dass uns mitten in der Nacht heimelig seine Tore öffnete. Ich hatte das Gefühl, erwartet worden zu sein. Nicht vergleichbar war unsere Ankunft mit dem steten Kommen und Gehen auf Raststätten. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Räumlichkeiten, ob ich mit Jemanden sprach. Nur an dieses Gasthaus, das keine Tankstelle war und sich irgendwo auf dem Land und auf meinem Weg nach Rijeka befand.


Außer an diese Pause erinnere ich mich an die Kontrollen, die auf Parkplätzen an Grenzübergängen stattfanden. Diese Männer und Frauen mit den strengen Blicken und der autoritären Sprache, welcher auch immer, die durch den Bus schritten. In meinem schläfrigen Zustand fühlte ich mich diesen herrisch auftretenden Menschen deutlich unterlegen, die Situation versetzte mich in Unruhe. Dabei wusste ich doch, dass meine Papiere in Ordnung und sicher in meiner Tasche verwahrt waren.


Ich verbrachte eine herrliche unbeschwerte Zeit in Kroatien. Eine wirklich ganz besondere Zeit, die einen eigenen Bericht verdienen würde. Am Ende gab mir Jasminka eine Kassette mit, ein Sammelsurium aller Lieder, die wir in den zwei Wochen gehört hatten. Diese Kassette bedeutete mir noch lange Jahre sehr viel, katapultierte sie mich doch augenblicklich zurück in ein Gefühl wonne-weicher Glückmomente. Auf der Rückfahrt von Rijeka nach München aber hörte ich sie das erste Mal, nachdem ich den Busfahrer bat, sie in seinen Kassettenrekorder zu stecken. Die kroatischen und auch serbischen Lieder werden sicher nicht nur in mir etwas berührt haben. Sie trugen uns über die Grenzen zur Slowakei und Österreich zurück nach München.


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